Von der Absage zur Kundgebung: Warum wir trotz Angst nicht aufgegeben haben
Von der Absage zur Kundgebung: Warum wir trotz Angst nicht aufgegeben haben
Manchmal beginnt eine Geschichte mit einem einzigen Anruf.
Unsere Geschichte begann vor einigen Wochen.
Nachdem aus Herat erneut erschütternde Berichte über das Vorgehen der Taliban gegen Frauen bekannt wurden, gingen die Bilder und Nachrichten um die Welt. Viele Afghaninnen und Afghanen in Europa waren schockiert. In zahlreichen Städten fanden Demonstrationen und Solidaritätskundgebungen statt, um auf die dramatische Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan aufmerksam zu machen.
Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von Sadaf Ehsami, einem engagierten Mitglied unseres Afghanen-Stammtischs Kehl.
Sie sagte zu mir:
"Wir dürfen nicht schweigen. Lass uns auch in Kehl eine Kundgebung organisieren."
Ich musste nicht lange überlegen.
Ich war sofort dabei.
Noch am selben Tag begannen wir gemeinsam mit weiteren Mitgliedern unseres Teams mit den ersten Vorbereitungen. Unser Ziel war nicht, Politik für irgendeine Partei zu machen. Unser Ziel war es, friedlich auf die Situation der Frauen in Afghanistan aufmerksam zu machen und ein Zeichen gegen die Normalisierung der Taliban zu setzen.
Wir meldeten unsere Kundgebung für den 11. Juli 2026 an.
Wochenlang bereiteten wir alles vor.
Wir entwickelten das Programm, entwarfen Plakate und Flyer, informierten die Öffentlichkeit, führten Gespräche mit Behörden und organisierten Rednerinnen und Redner.
Doch dann geschah etwas, womit wir nicht gerechnet hatten.
Nur 48 Stunden vor Beginn mussten wir die Veranstaltung absagen.
Viele afghanische Teilnehmerinnen und Teilnehmer zogen ihre Teilnahme kurzfristig zurück.
Der Grund war Angst.
Angst um Angehörige in Afghanistan.
Angst vor möglichen Konsequenzen.
Angst davor, öffentlich erkannt zu werden.
Für unser gesamtes Team war das ein sehr schwerer Moment.
Wir hatten viel Zeit, Energie und Herzblut investiert.
Natürlich waren wir enttäuscht.
Aber gleichzeitig wurde uns bewusst, warum unsere Kundgebung überhaupt notwendig war.
Wenn selbst Menschen, die in einem demokratischen Land leben, Angst haben, ihre Stimme zu erheben – wie groß muss dann die Angst der Frauen sein, die heute noch in Afghanistan leben?
Deshalb beschlossen wir:
Wir geben nicht auf.
Schon wenige Tage später begannen wir erneut mit der Planung und Hilfe von Herr Rolf Berger von Kehler Fluchtlingshilfe e.V.
Wir beantragten eine neue Versammlung, aktualisierten unser Programm und suchten erneut das Gespräch mit Unterstützerinnen und Unterstützern.
Viele Menschen machten uns Mut, weiterzumachen.
Und so konnten wir unsere Kundgebung schließlich am 25. Juli 2026 erfolgreich auf dem Marktplatz in Kehl durchführen.
Nach der Begrüßung begann unsere Veranstaltung mit mehreren Redebeiträgen.
Ich sprach als einer der Organisatoren über die aktuelle Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan. Außerdem ging ich auf die langfristigen Folgen für die Zukunft des Landes ein und sprach über die aus meiner Sicht bestehende Doppelmoral im politischen Umgang mit den Taliban. Menschenrechte dürfen nicht von politischen Interessen abhängig sein.
Sadaf Ehsami berichtete anschließend darüber, warum wir die erste Kundgebung absagen mussten. Sie sprach offen über die Ängste vieler Afghaninnen und Afghanen und erklärte, warum Aufgeben keine Lösung sein kann. Ihre Botschaft war klar: Gerade wenn Menschen eingeschüchtert werden sollen, ist es wichtig, friedlich sichtbar zu bleiben.
Erich Jais unterstützte unsere Initiative mit einem engagierten Redebeitrag und erinnerte daran, dass Menschenrechte universell gelten und nicht an Landesgrenzen enden.
Auch Rolf Berger sprach zu den Besucherinnen und Besuchern und machte deutlich, wie wichtig Solidarität mit den Frauen in Afghanistan ist.
Ein musikalischer Beitrag war ebenfalls geplant. Leider sagte die Sängerin ihren Auftritt nur etwa zwei Stunden vor Beginn kurzfristig ab. Deshalb mussten wir unser Programm spontan ändern und spielten stattdessen Musik über Playback.
Anschließend sprach Margarita Schling von der Flüchtlingshilfe Kehl e. V. Sie unterstützt unsere Arbeit seit Beginn und machte in ihrer Rede deutlich, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement und Solidarität sind.
Den Abschluss der Redebeiträge übernahm Sunam Kohistani, ebenfalls Mitglied des Afghanen-Stammtischs Kehl. Sie erklärte, dass die Taliban aus ihrer Sicht keine geeigneten Gesprächspartner für eine Normalisierung seien und dass die Stimmen der Frauen Afghanistans weiter gehört werden müssen.
Während der gesamten Veranstaltung konnten Besucherinnen und Besucher außerdem unsere Petition unterschreiben und damit ihre Unterstützung für die Rechte der Frauen in Afghanistan ausdrücken.
Besonders gefreut hat uns, dass sowohl die Kehler Zeitung als auch die Badische Zeitung über unsere Kundgebung berichtet haben.
Dadurch konnte unsere Botschaft weit über den Marktplatz hinaus Menschen erreichen.
Die Fotos in diesem Beitrag stammen aus der Berichterstattung der Kehler Zeitung.
Eine solche Veranstaltung ist niemals die Leistung einer einzelnen Person.
Deshalb möchte ich mich von Herzen bei allen bedanken, die diese Kundgebung möglich gemacht haben.
Mein besonderer Dank gilt Sadaf Ehsami, die den ersten Impuls für diese Kundgebung gegeben und unermüdlich an ihrer Organisation mitgearbeitet hat.
Ich danke Sunam Kohistani, Nilab Ehsami, Zainab Kohistani, Yalda Sultan für ihr großes Engagement und ihre Unterstützung während der gesamten Vorbereitung.
Ebenso danke ich Erich Jais, Rolf Berger und Margarita Margarita Koshyl von der Flüchtlingshilfe Kehl e. V. für ihre Solidarität, ihre Unterstützung und ihre wertvollen Redebeiträge.
Mein größter persönlicher Dank gilt meiner Frau Raihana Ghafuri. Nach der Absage der ersten Kundgebung war ich enttäuscht und unsicher, ob wir noch einmal von vorne anfangen sollten. Sie hat jedoch nie aufgehört, an unsere Idee zu glauben. Mit ihrer Unterstützung, ihrem Zuspruch und ihrem Vertrauen hat sie mir den Mut gegeben, weiterzumachen und die Kundgebung ein zweites Mal zu organisieren. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein.
Mein Dank gilt außerdem allen Helferinnen und Helfern, unseren Ordnerinnen und Ordnern, der Stadt Kehl, der Polizei, allen Besucherinnen und Besuchern sowie allen Menschen, die unsere Petition unterschrieben und unsere Botschaft weitergetragen haben.
Ohne euch wäre diese Kundgebung nicht möglich gewesen.
Als wir die erste Kundgebung absagen mussten, war ich enttäuscht.
Heute blicke ich mit Dankbarkeit auf diesen Tag zurück.
Nicht, weil alles perfekt gelaufen ist.
Sondern weil wir gezeigt haben, dass Angst nicht das letzte Wort haben muss.
Unsere Kundgebung war keine Lösung für die vielen Probleme in Afghanistan.
Aber sie war ein Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass Frauenrechte universelle Menschenrechte sind.
Ein Zeichen dafür, dass Solidarität Grenzen überwinden kann.
Und ein Zeichen dafür, dass Schweigen niemals die Antwort sein darf.
Solange Frauen und Mädchen in Afghanistan ihrer Freiheit, ihrer Bildung und ihrer Würde beraubt werden, werde ich gemeinsam mit vielen anderen weiterhin friedlich meine Stimme erheben.
Für Frauenrechte. Gegen die Normalisierung der Taliban.
📅 Datum: 29. Juli 2026
✍ Autor: Mohammad Akbar Mahmoody